»Das ist doch gar nicht wahr, das war doch ganz anders«, sagt Klaus zu seiner Frau und ist schon etwas genervt von den ständigen Änderungen in ihren Berichten über gemeinsame Erlebnisse. Und mal ehrlich: wer kennt solche Reaktionen auf Erzählungen von Menschen mit Demenz nicht? Klar, Klaus weiß, dass seine Frau Demenz hat, und er weiß eigentlich irgendwie, dass ihre Erinnerungen anders sein können als seine. Aber Klaus ist trotzdem der felsenfesten Überzeugung, dass es »da draußen« eine Wahrheit gibt, und die Erinnerungen seiner Frau nunmal falsch sind, denn schließlich weiß er ganz genau, wie alles wirklich war, denn er kann sich ganz genau erinnern. Und da Klaus seiner Frau wirklich helfen will, ist er ständig bemüht, ihren falschen Erinnerungen seine richtigen Erinnerungen entgegenzusetzen.
Im professionellen Bereich der Pflege und Sozialarbeit wird das auch Biografiearbeit genannt und ist weniger von genervten Untertönen begleitet, weil die Biografiearbeiter und der Mensch mit Demenz emotional anders verbunden sind. Und ob der Mensch mit Demenz sich nun korrekt erinnert oder nicht, bleibt ohne tiefgreifende Auswirkungen auf das Leben des Biografiearbeiters.
Klaus jedoch steht vor dem Scherbenhaufen eines gemeinsamen Lebens. Seine Frau ist nicht mehr dieselbe und das macht Klaus ziemlich zu schaffen. Er weiß weder ihr noch sich zu helfen.
