Wenig positive Wirkungen, dafür erheblich Nebenwirkungen
Eine neue Übersichtsarbeit des unabhängigen Wissenschaftsnetzwerks Cochrane analysierte 17 klinische Studien mit über 20.000 Teilnehmenden und kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Monoklonale Antikörper wie Lecanemab, Donanemab oder Aducanumab, die gegen Beta-Amyloid-Ablagerungen im Gehirn von Alzheimer-Patienten wirken, zeigen kaum spürbaren Nutzen im Alltag. Zwar reduzieren die Wirkstoffe die Proteinablagerungen, doch nach 18 Monaten gab es allenfalls minimale Verbesserungen bei Gedächtnis, Denkvermögen oder Alltagsaktivitäten wie Einkaufen oder Finanzen.¹
Die Studie offenbart zudem erhebliche Nebenwirkungen: Bei etwa 119 von 1.000 Behandelten traten Hirnschwellungen (ARIA) oder kleinere Hirnblutungen auf – in der Placebogruppe waren es nur 12. Langfristige Effekte und Sicherheitsrisiken bleiben aufgrund kurzer Beobachtungszeiträume unklar. Zudem könnte die funktionelle Entblindung (Probanden erkannten durch Nebenwirkungen, dass sie das Medikament erhielten) die Ergebnisse verzerrt haben.
Die Autor:innen folgern, dass die Reduktion von Amyloid-Plaques keine klinisch bedeutsame Besserung bewirkt und fordern, die Forschung auf alternative Therapieansätze zu konzentrieren. Dies bestätigt frühere Zweifel, etwa des IQWiG, das bereits 2025 feststellte, dass der Nutzen von Lecanemab nicht über den günstigerer Alternativen liegt. Für Betroffene bedeutet dies: Die Hoffnung auf einen Durchbruch durch Amyloid-Antikörper wird deutlich gedämpft.
Kritik der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN) an Alzheimer-Medikament Leqembi (Wirkstoff: Lecanemab)
Das Alzheimer-Medikament Leqembi (Wirkstoff: Lecanemab), das seit September 2025 in Deutschland verfügbar ist, soll erstmals nicht nur Symptome lindern, sondern den Krankheitsverlauf in frühen Stadien bremsen. Doch laut einem Gutachten des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) gibt es keine Belege für einen zusätzlichen Nutzen im Vergleich zur bisherigen Standardtherapie. Der G-BA folgt damit der Einschätzung des IQWiG, das bereits im Dezember 2025 zu einem ähnlichen Ergebnis kam.²
Leqembi ist mit Kosten von etwa dem Hundertfachen herkömmlicher Alzheimer-Medikamente (20-30 Euro/Monat) extrem teuer. Die Bewertung des G-BA beeinflusst die Preisverhandlungen mit den gesetzlichen Krankenkassen. Sollte keine Einigung erzielt werden, könnte der Hersteller das Medikament vom deutschen Markt nehmen. Der G-BA betont, dass „kein Zusatznutzen“ nicht gleichbedeutend mit „nutzlos“ sei, sondern dass der Wirkstoff keine Vorteile gegenüber bestehenden Behandlungen nachweisen könne.
Kritik kommt von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (DGPPN): Experten wie Frank Jessen verweisen auf Studiendaten, die eine 30-prozentige Verlangsamung des Krankheitsverlaufs bei Frühstadien-Patienten zeigen. Sie argumentieren, dass Leqembi aufgrund seiner neuen Wirkweise nicht mit bisherigen Medikamenten vergleichbar sei und warnen vor einer Versorgungslücke, falls das Medikament nicht mehr verfügbar wäre.
Quellen
¹ Amyloid‐beta‐targeting monoclonal antibodies for people with mild cognitive impairment or mild dementia due to Alzheimer’s disease; URL: https://doi.org/10.1002/14651858.CD016297
² Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. Lecanemab (frühe Alzheimer-Krankheit); Nutzenbewertung gemäß § 35a SGB V; Dossierbewertung (online). 2025 [Zugriff: 16.04.2026]. URL: https://doi.org/10.60584/A25-111.
